Dienstag, 6. März 2012

Der Fall Kampusch und die Unfähigkeit der Exekutive

Ja, das Thema wird nie alt. Natascha Kampusch ist vielleicht schon seit sechs Jahren frei, aber die Ermittlungen scheinen noch nicht beendet. Im Gegenteil, immer mehr Ungereimtheiten und Unvollständigkeiten kommen ans Licht, Dinge, die die Kriminalpolizei übersehen oder ignoriert hat. Da wäre einmal die einzige Zeugin, die erst 2006, nach Kampuschs Flucht, das erste mal ordentlich befragt wurde. Denn was sie sagt, ist interessant: Ein zweiter Täter, der noch auf freiem Fuß ist und der die Polizei wohl nicht sonderlich interessiert. Natürlich kann sie sich geirrt haben, in so einer Situation kann man nicht darauf vertrauen, dass man einen kühlen Kopf bewahrt. Aber da wäre auch noch die Tatsache, dass Ernst H., ein Freund Priklopils, so einiges mit dem Fall zu tun hat. H.'s Vorbilder sind wohl Grasser bzw. der deutsche Ex-Präsident Wulff. Die 500000 Schilling, die er nur Tage nach der Entführung an Priklopil überwiesen hatte, waren, so sagte er, für einen Porsche. Interessant ist, dass er, nachdem man beweisen konnte, dass das nicht stimmte, behauptete, er hätte es überwiesen, um es vor der Steuer zu verstecken. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und ich glaube, es gibt keinen Grund, hier eine Ausnahme zu machen. Sollte Kampusch weiterverkauft werden? Waren die 500000 Schilling eine Bezahlung? Warum hat Priklopil dann das Mädchen behalten, und das Geld großteils zurückgeschickt? Alles Spekulationen, das ist schon klar, aber was hier eindeutig ersichtlich ist, ist, dass die Polizei geschlampt hat. Hätte man alles richtig gemacht, wäre Priklopil schon vor zehn Jahren hinter Gitter gekommen. Denn es gab mehrmals Hinweise, die auf ihn als Täter hinwiesen, die aber alle von der Polizei ignoriert wurden. Und dafür zahlen wir Steuern? Für faule Polizisten, die hinter ihren Schreibtischen schlafen, statt Hinweisen nachzugehen? Da hilft uns Zivilcourage auch nichts, wenn selbst die Polizei nichts mehr taugt. Um mich für hart arbeitende Polizisten zu entschuldigen, die sich davon jetzt betroffen fühlen: Nicht alle sind so, das ist mir schon klar, aber es ist Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen. Einer der wenigen, die im Fall Kampusch die Wahrheit ans Licht bringen wollen, ist Johann Rzeszut. Als Mitglied der Evaluierungskommission soll er den Fall restlos aufklären, aber die Staatsanwaltschaft scheint das nicht zulassen zu wollen. Ständig muss er sich mit Schikanen der Anwälte herumschlagen, die anscheinend die Hintermänner der Tat schützen wollen.

Johann Rzeszut, der "Gute" in der Causa Kampusch
Als letzten Punkt einer langen Liste kommt etwas, was meiner Meinung nach verdammt nach etwas Größerem stinkt: angeblich soll Priklopil Ernst H. vor seinem Selbstmord einen Zettel gegeben haben, einen Abschiedsbrief. Das seltsame: darauf steht nur ein Wort, "Mama". Ein dämlicher Abschiedsbrief. Jeder "Twilight"-Roman hat mehr Message als dieses Wort, das jeder dreijährige brabbeln könnte. Aber das ist ja gar nicht das wichtigste, denn das ist die Tatsache, dass alle, die im Umfeld der beiden leben, sagen, dass das die Handschrift von Ernst H. ist. Interessant, oder? Die offizielle Version: Priklopil weiß, dass er dran ist, und will, bevor er sich das Leben nimmt, noch mit seinem besten Freund reden. Diesem übergibt er noch den Abschiedsbrief, und zwar mit einer veränderten Handschrift.
Die wahrscheinlichere Version: Priklopil weiß, dass er dran ist, und will seinem Komplizen Ernst H. sagen, dass sie aufgeflogen sind. Dieser weiß, was zu tun ist, und wirft Priklopil vor einen Zug. In Panik kritzelt er noch einen Abschiedsbrief, um sich nicht in Ungereimtheiten zu verstricken, einen besonders kryptischen, und um nicht durch eine Handschriftanalyse überführt zu werden, einen möglichst kurzen. Er behauptet, es sei Selbstmord gewesen, und seine Hintermänner, die eventuell sehr einflussreich sind, verhindern, dass die Polizei das in Frage stellt.

Die Einzeltätertheorie war noch jedes mal einfacher, das zeigt uns die Geschichte, von der Schlacht der Spartiaten bei den Thermophylen bis zum Kennedy-Attentat. Und wenn man schon herausfindet, dass die Politikspitze des Landes korrupt ist, warum sollten es die unteren Schichten nicht sein?

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